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Höhlenbewohnende Schlangenkopffische aus Indien

Die neuen, aus Kerala gemeldeten, troglobitischen Fischarten wurden größtenteils aus Brunnen im Gürtel mit Lateritböden am Fuße der Western Ghats gesammelt. Die Grundwasserressourcen dieser Region stehen aufgrund der massiven Umstellung der natürlichen Feuchtgebiete auf Landwirtschaft und Urbanisierung unter erheblichem ökologischem Druck.

Britz et al schreiben bereits Aenigmachanna gollum und somit zugleich eine neue Gattung und Art aus Kerala in Südindien:

„Es ist die erste unterirdisch lebende Art der Familie Channidae. Die neue Gattung hat zahlreiche abgeleitete und einzigartige Eigenschaften, die sie eindeutig sowohl von der asiatischen Channa Scopoli als auch von der afrikanischen Parachanna Teugels & Daget trennen. Aenigmachanna gollum hat unter den Schlangenkopffischen einen sehr schlanken, aalähnlichen Körper.“

Aenigmachanna gollum Britz, Vanoop, Dahanukar & Raghavan, 2019 – eine neue Gattung und Art unterirdisch lebender Schlangenkopffische (Teleostei: Channidae) aus Kerala und Aenigmachanna mahabali Kumar, Basheer & Ravi, 2019 – eine neue, höhlenbewohnende Schlangenkopffischart aus Kerala in Südindien

Kommentar von Jürgen Schmidt, Ruhmannsfelden

Astyanax jordanii (Syn. Anoptichthys), der Blinde Höhlensammler ist ein bewährter Aquarienfisch, an dem interessierte Aquarianer die Pflege von Höhlenbewohnern üben können. Foto: Jürgen Schmidt

Veränderungen im Körperbau, die normalerweise mit einem unterirdischen Leben verbunden sind, wie eine Verkleinerung oder das Verschwinden der Augen und eine Verbesserung der nicht visuellen Sinne (Geschmack, Geruch, mechanosensorische Systeme/Seitenlinienorgan), fehlen bei A. gollum und A. mahabali. Sie teilen jedoch mit unterirdischen Fischen eine leichte Verringerung seiner Köderfärbung im Vergleich zu oberirdisch lebenden Schlangenkopffischen.

Unterirdisch lebende Fische, die den größten Teil ihres Lebens in Höhlen oder unterirdischen Hohlräumen verbringen, wurden bereits auf allen Kontinenten mit Ausnahme der Antarktis gefunden, gehäuft in tropischen und subtropischen Regionen. Die Entdeckungsrate neuer, unterirdisch lebender Fischarten hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, von 102 bekannten Species im Jahr 2000 auf heute gut 250. Kerala, im Südwesten Indiens, scheint dabei ein Schwerpunkt der unterirdischen Fischvielfalt zu sein.

Channa orientalis ist als Beispiel für einen die Gewässer der Oberfläche bewohnenden Fisch relativ bunt. Foto: Jürgen Schmidt

Schlangenkopffische der Familie Channidae sind luftatmende Knochenfische, die durch einen länglichen Körper, langgestreckte Rücken- und Afterflossen ohne Stacheln, große Mäuler mit gut entwickelten Zähnen und ein gut entwickeltes Epibranchial-, Hyomandibular- und gefaltete Gewebe über dem Parasphenoid gekennzeichnet sind. Es dient der Unterstützung der Riemenatmung in Form eines zusätzlichen, luftatmenden Organs, dem Labyrinth. Die Familie umfasst drei rezente Gattungen: Parachanna in Afrika, Channa im Nahen Osten und in Asien sowie die kürzlich beschriebene Aenigmachanna, die nur aus der Tiefebene westlich der Western Ghats in Kerala bekannt ist.

Anhand eines Fischs, der im April 2018 aus einem Brunnen im Distrikt Pathanamthitta in Kerala gefangen wurde, wurde bei der folgenden Untersuchung festgestellt, dass es sich um eine Schlangenkopffischart handelt, die eine troglomorphe Merkmale aufweist (Körpermerkmale, die auf eine unterirdische Lebensweise hindeuten). Die von den Autoren befragten Anwohner im Bereich des Brunnens bestritten, obwohl sie mit oberirdisch lebenden Schlangenköpffischen vertraut waren, zuvor ähnliche Fische gesehen zu haben. Eine detaillierte Untersuchung dieses Exemplars ergab, dass es sich deutlich von allen bekannten Schlangenköpffischarten unterscheidet. Versuche, weitere Exemplare zu sammeln, erwiesen sich zunächst als erfolglos.

Ralf Britz et al. beschrieben 2019 anhand von zwei Fischen, die in Oorakam bei Malappuram in Kerala gefunden wurden, die bemerkenswerte neue Gattung und Art troglobiotischer Schlangenkopffische: Aenigmachanna gollum.

Aenigmachanna gollum ist als Höhlenbewohner unauffällig gefärbt und wenig gezeichnet. Foto: Ralf Britz et al. 2019

Aenigmachanna mahabali aus Pathanamthitta ähnelt dieser Art in mehreren Punkten, unterscheidet sich jedoch in anderen Merkmalen von der ersten Art. Sein Körper ist schlank und länglich. Die Schwanzflosse ist lanzettlich mit 14 verzweigten Strahlen.

Der Körper ist gleichmäßig rotbraun gefärbt, wobei die Färbung der Oberseite bis zur Afterflosse hin cremefarben verblasst. Die Schuppen auf der Wange weisen reflektierende, silberne Bereiche auf, welche Flecken mit dunklem Pigment umgeben, während sie auf den Kiemendeckenl fast vollständig silbrig sind. Die Schuppen am Körper sind grundsätzlich auf etwa ein Drittel der Schuppenlänge gefärbt, mit klaren, hinteren Rändern, die das Erscheinungsbild einer Reihe von Flecken entlang der Seite zeigen und jeweils eine Linie andeuten. Die Flossen sind transparent bis gelblich, mit schwachen Flecken in der Rückenflosse und einem Fleck an der Basis jedes Rückenflossenstrahls.

Aenigmachanna mahabali  ist nur von einem einzigen Ort bekannt, einem Brunnen in Peringara in der Nähe von Thiruvalla im Distrikt Pathana-mthitta, Kerala, Indien. Als der Fisch im Hochsommer gefunden wurde, befand sich die Wasseroberfläche im Brunnen in einer Tiefe von etwa 5 m unter der Bodenoberfläche. Er kam ans Licht, als das normalerweise klare Wasser im Brunnen plötzlich schlammig und der Brunnen abgelassen wurde, um die Reinigung zu erleichtern. Peringara liegt in einem großen, natürlichen Feuchtgebiet, das an das Tiefland von Kuttanad angrenzt, die „Reisschale“ von Kerala.

Bedeutung des Namens: In der Mythologie von Kerala war Mahabali ein König, der drei Reiche erobern ließ und von Vamana, einem Avatar von Vishnu, in die Unterwelt verbannt wurde. Er darf jedoch einmal im Jahr in das Reich der Sterblichen zurückkehren, was mit dem Fest von Onam gefeiert wird.

Mit Aenigmachanna gollum und Aenigmachanna mahabali sind nun zwei echt troglobiotische Schlangenkopffische bekannt. Aenigmachanna zeigen troglomorphe Merkmale wie eine Modifikation der Gesamtmorphologie in eine aalförmigere Form und die Entwicklung filamentöser Verlängerungen der Brustflossenstrahlen. Das Fehlen von porösen Seitenlinienschuppen wird auch von anderen troglobytischen Fischarten gezeigt. Beide Aenigmachanna behalten jedoch auch ihren vollständig pigmentierten Körper und funktionelle Augen, die im Vergleich zu anderen Channa nicht reduziert sind.

Es ist so, dass ein oberflächenbewohnender Channa stirbt, wenn er daran gehindert wird, Luft an der Oberfläche zu atmen. Es ist jedoch eine Vermutung, ob Aenigmachanna einen Zwang zur Luftatmungs aufweist. Nachdem der einzige Fisch ins Labor gebracht worden war, wurde der Aenigmachanna mahabali über Nacht in einem Aquarium gehalten, er stieg während einer Stunde fortdauernder Beobachtung nicht an die Oberfläche. Vielmehr blieb er entweder unten unter einem Stück Schwamm oder in einem Winkel mit dem Kopf nach oben unter dem Filter. Die Autoren stellten auch fest, dass die Aenigmachanna mahabali im Gegensatz zu Aenigmachanna gollum keinen Auftrieb zu haben schien und seine Position in der Wassersäule beibehalten konnte, eine Röntgenaufnahme ergab zudem eine große Schwimmblase in der Körperhöhle.

Bemerkenswert ist die Entdeckung von zwei Arten einer bisher unbekannten Gattung in so kurzer Zeit. Die Typuslokalitäten sind durch eine Entfernung von über 200 km und durch die Palghat-Lücke getrennt, eine biogeografische Barriere, die in der Evolutionsgeschichte verschiedener Wirbeltiergruppen von Buschfröschen bis zu asiatischen Elefanten von Bedeutung ist. Es wird angenommen, dass sich die Palghat-Lücke im frühen Miozän gebildet hat und es besteht die Hoffnung, dass ein tieferes Verständnis der Evolutionsgeschichte von Aenigmachanna zu einem besseren Verständnis der Evolutionsgeschichte der Gattung Channa führen wird.

Abschließend bleibt festzustellen, dass diese faszinierenden höhlenbewohnenden Fische der Aquaristik aufgrund ihrer Seltenheit wohl vorenthalten bleiben müssen. Dies ist aus naheliegenden Artschutzgründen auch richtig so. Vielleicht gelingt ja nach Wiederfunden und legalen Naturentnahmen die Nachzucht vor Ort – hoffen wir es! Den meisten Labyrinthfischfreunden ist diese hochinteressante neue Gattung in ihrer Aufmerksamkeit bisher wohl entgangen, dennoch sei an dieser Stelle einmal darauf hingewiesen. Wenn wir die Fische schon nicht pflegen können, dann können wir immerhin etwas darüber lesen und weiterlesen (s. u.).

 

Literatur

Britz, R., Anoop, V. K., Dahanukar, N., & Raghavan, R. 2019. The subterranean Aenigmachanna gollum, a new genus and spe- cies of snakehead (Teleostei: Channidae) from Kerala, South India. Zootaxa 4603(2), 377–388.

doi.org/10.11646/zootaxa.4603.2.10

Kumar, R. G., Basheer, V. S., & Ravi, C. 2019. Aenigmachanna mahabali, a new troglophilic Snakehead. Zootaxa 4638(3), 410-418.

doi.org/10.11646/zootaxa.4638.3.6

(Bei diesen beiden Quellen gibt es zahlreiche weitere Literaturhinweise.)

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