Gemischte Erfahrungen mit einem Prachtgurami-Import


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Gemischte Erfahrungen mit einem Prachtgurami-Import

Beitragvon Peter Finke » 15.01.2011 - 08:14

Der internationale Zierfischhandel hat an den gesamten globalisierten Handelsbeziehungen einen sehr geringen Anteil. Dennoch ist dieser Anteil in den letzten vier Jahrzehnten erheblich gewachsen. Das gleiche gilt für den Anteil, den europäische Zierfisch-Export-Import-Beziehungen mit Südostasien (etwa im Vergleich mit Südamerika oder gar Afrika) hieran haben. Der Prachtguramihandel, ausschließlich mit Wildfängen, fällt dabei quantitativ nahezu überhaupt nicht ins Gewicht. Dennoch werden alljährlich tausende wildgefangene Fische von (wenigen) Paroarten und -formen auf diese Weise gehandelt.

Die meisten asiatischen Exporteure sitzen in Thailand (Bangkok), einige auch in Malaysia (Kuala Lumpur, Singapur und Kuching), kaum auch in Indonesien. Die großen, z.T. schwer ereichbaren Vorkommensgebiete in Kalimantan (Borneo), stellenweise auch auf Sumatra, sind hieran kaum einbezogen. Dies war für einige von uns einer der Gründe, sich an einem Importangebot zu beteiligen, das uns über Christian Hinz (Berlin) letzten November erreicht hat. Es bezog sich auf Paros von Borneo, die kommerziell selten importiert werden. Die normalen Importe betreffen überwiegend Fische aus Malaysia, in den letzten Jahren teilweise auch Sumatra; Borneo ist selten dabei. Wir wollten außerdem herausfinden, ob ein solcher Nebenweg neben den sporadischen, aber kaum zu beeinflussenden Hauptimportwegen über die Großimporteure genau so gut oder schlecht ist wie jene, wobei es um Zuverlässigkeit, Artenkennzeichnung, Qualität und Sorgfalt ging. In all diesen Punkten sind die normalen Erfahrungen sehr gemischt bis schlecht (z.B. Auszeichnung als „deissneri“, Anteil der halbtot oder tot ankommenden Tiere angeblich bis zu 80 Prozent, etc.).

Neben den wenigen großen Importfirmen in Europa (vor allem Glaser (D) oder Ruinemans (NL), aber auch einigen weiteren, vor allem in Deutschland, Holland, England oder Skandinavien) versuchen auch kleine Händler immer wieder, solche Export-Import-Beziehungen aufzubauen. In unserem Falle erhielt ein Mitglied der Lenkungsgruppe des Paro-Projekts vor einem knappen Vierteljahr die Nachricht, dass ein Zoohändler in Nordrhein-Westfalen im Dezember eine Sendung nicht alltäglicher Betta-Arten aus Kalimantan erwartete und der Paro-Gruppe anbot, dabei – gewissermaßen „huckepack“ – auch einige Paros mitzubefördern, die sein asiatischer Export-Partner ebenfalls auf seiner Liste hatte. Auf diese Weise konnte die sonst auch bei Paros handelsübliche Mindestbestellmenge von vielen hundert Exemplaren pro Art erheblich gesenkt werden (auf etwa einhundert Exemplare insgesamt). Angeboten wurden die Arten P. linkei, opallios, parvulus, pahuensis und eine uns bisher nicht bekannte Form, die als spec. Seruyan bezeichnet wurde. Die Kosten waren dennoch nicht unerheblich und lagen insgesamt bei fast 10 Euro pro Fisch, immerhin eine angemessene Größenordnung für die kostbaren und seltenen Paros. Hierzulande besteht noch immer kein angemessenes Bewusstsein vom Wert dieser Tiere.

Wir haben die Sache im Kreis der Gruppe besprochen und vier Personen haben dann beschlossen, sich testweise, im vollen Bewusstsein des hiermit verbundenen Risikos, hieran zu beteiligen. Wir haben dies als einen Versuch angesehen, bei dem wir herausfinden wollten, wie solche Nebenwege des Handels, die aber keineswegs unüblich sind und auf denen viele Arten alljährlich zwar nicht zigtausend-, aber doch tausend- oder hundertfach gehandelt werden, qualitativ zu beurteilen sind. Das Ergebnis ist, mit einem Wort, genau so gemischt wie die Erfahrung mit dem wirklichen Großhandel. Die Gesundheit und Vitalität der gehandelten Fische war ungefähr die gleiche, variierend von einwandfrei und komplett überlebend über unterschiedlich geschädigt oder krank bis hin zum Totalverlust, wie es bei den Großimporten der Großfirmen nicht anders ist, aus denen die Paros stammen, welche ab und zu im Fachhandel zu sehen sind.

Fast komplett überlebt haben die ohnehin als vergleichsweise robust bekannten linkei, aber (erstaunlicherweise) auch die oft heiklen, nur in Ausnahmefällen bisher überhaupt jemals gehandelten parvulus, sehr stark dezimiert waren die spec. Seruyan (offenbar eine linkei-Variante mit rötlichen Flossen), und Totalverluste gab es bei ornaticauda und opallios. (Die ebenfalls zunächst versprochenen P. pahuensis waren letztlich nicht lieferbar). Es zeigte sich, dass einige Versandfehler vorkamen, die bereits in Asien gemacht wurden. Die Fische wurden in ungeeignetem Transportwasser von viel zu hoher Leitfähigkeit und deutlich alkalischem pH-Wert in zu großer Dichte verschickt. Auch war der Winter in Deutschland nicht berücksichtigt worden; es wurden keine oder zu wenige „heatpacks“ beigepackt. Demgegenüber waren die Artbezeichnungen tatsächlich korrekt; auch hat man versucht, die Geschlechter annähernd gleich zu verteilen (beides keine Selbstverständlichkeit). Demgegenüber hat der deutsche Partner des Exporteurs sehr umsichtig und schnell gehandelt und unser Mann (Uwe Küster), der sich dankenswerterweise bereit erklärt hatte, als Auffangstation für alles zu fungieren, ebenfalls. Ohne seine Kenntnis und Sorgfalt wären die Verluste sicherlich noch größer geworden.

Eine interessante Frage ist: Warum standen und stehen die parvulus, immerhin eine zarte Art, die im Ruf steht, sehr heikel sein zu können, so vergleichweise sehr stabil? Wir wissen es natürlich nicht, aber es ist nahe liegend zu vermuten, dass die hier verschickte Population einfach sehr gesund ist, während andere schon in Asien geschädigt gefangen oder bei der dortigen Hälterung geschädigt werden. Das Verbreitungsgebiet von P. parvulus ist, wie wir heute ahnen und z.T auch schon wissen, viel größer als zunächst angenommen. Der Fisch ist für den Handel fast uninteressant, da zu klein und (anscheinend) zu wenig spektakulär (für Kenner ein Irrtum), daher gibt es nur wenig Erfahrung mit ihm. Wahrscheinlich befinden sich Teile seines Lebensraumes noch heute in einem vergleichsweise guten Zustand, während viele andere Biotope, vor allem die häufig von den kommerziellen Fängern besuchten Gebiete, durch schädigende Faktoren (Abholzungen, Einleitungen, Verschmutzungen vielerlei Art) beeinträchtigt sind und damit auch bereits die dort (noch) vorkommenden Fische vorschädigen. Anders ist es auch kaum zu erklären, warum wir bei der mit parvulus eng verwandten Art ornaticauda so unterschiedliche Erfahrungen mit ihrer Vitalität, Laichwilligkeit und allgemeinen Reproduktionsfähigkeit machen. Diesmal bot ornaticauda das genaue Gegenbild ab; hier war kein Tier zu retten. Die meisten kamen schon in Deutschland tot an.

Der asiatische Exporteur, der auch erst beginnen will, sich im internationalen Handel zu etablieren, war vom gemischten Ergebnis des Experiments selbst so betroffen, dass er eine „Ersatzlieferung“ der gleichen Arten (diesmal unter Einschluss von pahuensis) für Februar versprochen hat. Auch sein deutscher Partner zeigte sich betroffen und bereit, hierbei wieder durch Schnelligkeit, Kostenreduktion und Sorgfalt der Weiterleitung mitzuwirken. Wir wollen (nach Diskussion) diese Erfahrung noch mitmachen und haben zu den Faktoren, die zu beeinflussen sind, Bitten über veränderte Versandbedingungen nach Asien weitergegeben. Man wird sehen, wie das Ergebnis sein wird; wir werden auch darüber berichten. Solche Erfahrungen sind zweifellos von großer Bedeutung für alle Parofreunde, denn sie zeigen uns aus erster Hand, aber mit besserem Einblick in die Fehlerbedingungen und aufgrund eigener Anschauung, wie das Geschäft mit wildgefangenen Paros läuft, das in zehnfacher oder größerer Menge ohne unser Zutun alljährlich abläuft und zu den Tieren führt, die wir gelegentlich in den Zoohandlungen vorfinden. Klar ist jedenfalls, dass wir durch Nichtteilnahme an solchen Versuchen oder Angeboten an der gängigen Praxis der Wildfänge und ihrer Versandbedingungen nichts verbessern. Nur durch Einblick in diese Praxis und durch die Kooperation mit kooperationsbereiten Personen in Asien und Europa können wir hilfreiche Anregungen weitergeben, die den oftmals mit Spezialfischen wenig erfahrenen Personen wirklich weiterhelfen, die Verluste zu verringern. Ob dies dann auch auf die Großimporte "abfärbt" und dazu führt, dass die gelegentlich im Handel zu sehenden Paros in besserer Kondition hier ankommen, ist eine ganz andere Frage; zu hoffen ist es. Es ist jedenfalls schon jetzt deutlich, dass man hier einiges optimieren muss und wohl auch kann. – Wir danken insbesondere Christian Hinz und Uwe Küster für ihre sorgfältige Vermittlung und Begleitung dieses Unternehmens.
Peter Finke, Bielefeld
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